Donnerstag, 2. September 2004

das fest...

läuft übrigens immer noch.

zum thema roman

ein roman ist ein statisches sprachgeborenes gebilde, welches in seiner gesamten stringenz einen gesamtweltentwurf widerspiegelt bzw. erst erschafft. alle teile eines romanes verhalten sich zueinander wie gummibärchen zu schokolade, wie blut zu milch, wie himmel zu supermarkt. wenn ein roman gedruckt erscheint, nennt man das dann ein "buch", es ist bei manchen geschäften dann leicht erhältlich, andere wiederum werden sích hüten, den nun fertiggestellten roman in ihre auslage zu legen; von verkaufen ganz abgesehen. romane werden oft zwar unter großem aufwand und während langen monaten und jahren geschrieben, aber von keinem menschen gelesen, weil
  • die romane viel, viel zu lange sind
  • die filme im fernsehen spannender sind
  • das buch nicht erschwinglich ist bzw. gar nicht zum verkaufe angeboten wurde
es gibt auch andere gründe. so ist ein um sich greifender analphabetismus mit dafür verantwortlich, dass gute bücher als regalfüller und treppenersatz herhalten müssen, bzw. zum trocknen und glätten von herbstlaub im inneren des buches "zweckentfremdet" werden.

Montag, 30. August 2004

zwischenbericht vom fest

meine studienkameraden und jugendfreunde sind am freitag abend pünktlich eingetroffen in meinen räumlichkeiten. das "klassentreffen" ist ein voller erfolg. viele meiner alten freunde habe ich schon dreissig jahre lang nicht gesehen und musste erst nachgrübeln, wer das denn ist. erstaunliche effekte stellten sich ein. ein großer teil der ehemals männlichen freunde sind nun auf das deutlichste als weiblich einzustufen. viele frauen haben den gegenteiligen weg eingeschlagen und stellten sich mir als mann vor. ich hatte bald schon überhaupt keine ahnung mehr, wer wer war. am erstaunlichsten war, dass viele sogar verheiratet waren (auch viele von den umoperierten miteinander). wir kannten uns alle von unserer zeit im priesterseminar in st. pölten, die frauen von damals waren im kloster nebenan. das alles ist ja so lange her, mein "gott" ja. das fest ist immer noch im gange, übrigens. meine lieben freunde sind kurzerhand bei mir eingezogen und schlafen manchmal sogar, wenn sie kurz die musik ein bisserl leiser drehen. zum arbeiten an meiner großen prosa komme ich natürlich derzeit nicht. das fest läuft und läuft, wir lesen uns gedichte vor und improvisieren am dudelsack, wir spielen pfänderspiele und erzählen uns die letzten dreissig jahre in schüttelreimen. im wohnzimmer laufen sieben fernseher gleichzeitig mit sieben programmen und in jedem raum wird eine andere philosophische diskussion ausgefochten. die lebensmittel werden vom nahen supermarkt geholt und gerecht verteilt. ich bin schon froh, wenn ich meine wohnung wieder für mich alleine habe. so wie es aussieht, kann das noch ein paar tage dauern. ich kann kaum klar denken und auch mein schreibstil ist so telegramm. artig. abgehackt, schrecklich. selbst meinen computer habe ich nur für diesen eintrag kurz zurückerobert, und werde mich gleich wieder ins "vergnügen" stürzen. gute nacht.

Freitag, 27. August 2004

vorbereitungen

mein liebes stubenmädel hat die schweinerei rund um mein bett weggeräumt und auch ansonsten die wohnung auf "vordermann" gebracht, wie man so sagt. elsa war ohnehin für heute ab 12 uhr bestellt, hatte sie mir am telefon gesagt, als ich sie in meiner panik und nervösen unruhe um 11 uhr angerufen habe. "heute ist doch das fest, nicht wahr?" hat sie gesagt, und dass sie da ja auch die käsespiesschen dafür vorbereiten muss und den gästen die sektgläser reichen wird, das sei ja schon seit monaten besprochen und ausgemacht. ein wenig überrascht war sie ja doch, als sie den dreck rund um mein bett erblickte, aber sie hat alles saubergemacht; was, wenn ich sie nicht hätte... dann müsste ich selber alles wegräumen. kaum auszudenken. elsa hat auch zeitungen mitgebracht, die buchregale in der lobby abgestaubt und mir ein mittagessen hingestellt, aber irgendwie habe ich keinen hunger und keinen appetit, mir liegen offenbar die vielen kilo schokolade zu schwer im magen, die ich in meinem seltsamen anfall vernichtet habe. was habe ich nur in den letzten drei tagen angestellt? es sind nicht einmal erinnerungsfetzen vorhanden. naja, vielleicht finde ich es ja noch heraus. schliesslich will ich ja hier in meinem weblog nichts wichtiges zu berichten vergessen.

erwachen?

ich bin nicht sicher, ob ich die letzten drei tage wirklich erlebt habe, kann mich an überhaupt nichts erinnern. möglich ist, dass ich halb ohnmächtig in meinem bett gelegen bin. fiebrig tastete ich heute morgen an mir herunter, und stellte fest, dass mein bauch sich schweissnass anfühlte und neben mir im bett größere mengen herrenschokolade (velma von suchard) abgelagert waren. das ganze bett war umgeben von bergen aus staniolpapier, taschentücher dazwischen und kleine verknotete plastiksäckchen, gefüllt mit einer gelben durchsichtigen flüssigkeit. bin sehr irritiert. sollte wohl besser mein stubenmädel anrufen, damit sie alles sauber macht und wegräumt, bevor heute abend meine lieben studienkollegen zum klassentreffen in meinen gemächern vorbeischauen. ich kann doch nicht so einen saustall meinen lieben schulfreunden zugänglich machen! was sollen die nur von mir denken... mein stubenmädel ist an sich ja eine verlässliche person, werde sie gleich anrufen. ich hoffe, sie hat heute zeit. sonst wirds eng.

Dienstag, 24. August 2004

spaziergang

gestern war es hier in der reichs-, haupt- und residenzstadt wien ziemlich heiss und sonnig. das morgendliche ritual des aufstehens absolvierte ich gemessenen tempos, reinigte meine zähne mithilfe der dafür vorgesehenen utensilien und legte sommerhose, hemd und leichte jacke an meine äusseren körperbegrenzungen an. gehstock, monokel und aktentasche (inhalt: wurstsemmerl, apple-notebook und notizheft nebst 17 füllfedern) nahm ich mit auf meinen kleinen spaziergang. ich betrat die ungargasse um etwa 10 uhr morgens und bewegte mich in aller gemüthsruhe bald rund um die ringstrasse... an der baustelle des parlamentes und am heldenplatz haarscharf vorbei und nach der touristenwimmlerei bei der kärntnerstrasse ab ins cafe schwarzenberg. dort saß ich dann eine längere zeit bei torte, würstel mit saft, kaffee und virginia und nestelte an meinen gedanken lässig herum. der ober wollte mich in ein gespräch verwickeln, aber ich beachtete ihn kaum, las alle zeitungen und beschloss alsbald, mein lager doch wieder daheim aufzuschlagen. dort legte ich mich schon um 15 uhr zu bette und schlief sehr schnell tief und fest ein. träume: keine.

Sonntag, 22. August 2004

ausflug

mit der s-bahn heute hinaus nach tulln gefahren und dort zusammen mit dr. hietzinger seit zehn jahren zum ersten mal zu mittag knödel mit saft gegessen, danach bier getrunken und kaffee, drei zigarren, nachher bordellbesuch.
hietzinger besprach und berichtete mir von seinen gröberen problemen, die sein aktueller roman ihm bereitet habe. ich hatte ihn gewarnt: das thema sei schwierig (und gefährlich), sagte ich ihm schon vor zehn jahren, als die embryonalen stadien der ideensynthese in den tagelangen gesprächen mit hietzinger manchmal schon durchschimmerten durch das krause gewölk seiner ungeordneten vormittagsgedanken. ich machte mir sorgen um ihn, damals, da ich überzeugt davon war, dass kein lebender mensch klaren geistes ein derartiges projekt abschliessen könne, ohne den verstand zu verlieren. hietzinger hatte damals beschlossen, den "roman der stadt wien" zu schreiben. ein buch, in welchem alle personen des telefonbuches vorkommen sollten, verknüpft und in eine in sich stringente und stimmige nachvollziehbare handlung eingebettet. was aber das wahnsinnigste an der idee war: das buch sollte - hietzingers meinung nach - nicht mehr als 100 din a4 seiten umfassen, "das ist genug text in dieser gegenwart, mehr lesen die leute ohnehin nicht" sagte er mir. alle meine anmerkungen und bedenken - dass alleine schon die namen weit mehr platz benötigen - wischte er als "unbedeutende formprobleme" vom tisch...
heute nun begegnete mir ein überraschend gelöster, aufgeräumter, glücklich lächelnder, lustiger, paffender und satt dreinschauender hietzinger. sein buch sei fast vollendet, meinte er; aber er weigerte sich, mich ein stück daraus lesen und begutachten zu lassen. schade.

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